Gelegentlich wird ihnen sogar die Verbesserung der Welt zugetraut – oder sollte man besser sagen zugemutet. Die sozialen Bewegungen gelten als die potentesten Mitwirkenden im Spiel der politischen Kräfte. Die Vorstellungen über den notwendigen Zeitrahmen allerdings gehen auseinander. Auch unter den Aktivistinnen und Aktivisten selbst.
Es waren kraftraubende Auseinandersetzungen, die im Jahr 2005 in den ersten Volksentscheid in Sachsen-Anhalt mündeten. Das Bündnis „Für ein kinderund jugendfreundliches Sachsen-Anhalt“ stellte sich gemeinsam mit vielen Vereinen, Verbänden und unzähligen EinzelakteurInnen dem Streit um die Zukunft der Kinderbetreuung, sammelten mühevoll Unterschrift um Unterschrift, organisierten Veranstaltungen und Aktionen, provozierten Medienreaktionen, suchten nach Verbündeten. Die Zivilgesellschaft war mobilisiert. Viele Erfahrungen haben sich angesammelt: man kennt mittlerweileerfolgreiche und weniger erfolgreiche Strategien und weiß um notwendige Ressourcen, die aktiviert oder herangeschafft werden müssen, um Erfolg zu haben, gewinnbringende Kontakte und Beziehungen haben die Zeit überdauert und sind jeder Zeit reaktivierbar. „Soziales Kapital“ hat sich akkumuliert, so heißt es im Soziologendeutsch. Eine stolze Bilanz. Und trotzdem: Der ausgebliebene Wahlerfolg am Tag der Entscheidung im Januar 2005 hat diese Bilanz in den Empfindungen vieler Aktiver sehr geschmälert. Manche sind enttäuscht. Andere haben resigniert, wieder andere hatten die Kraft, dies nicht zu tun.
Erfolg oder Misserfolg – eines jedenfalls lässt sich nicht leugnen: Das Thema der Zukunft der Betreuung von Kindern hat seit dem niemand mehr verdrängen können von der politischen Tagesordnung. Die öffentliche Meinung ist sensibler geworden. Keine der politischen Parteien hierzulande kann sich dem entziehen, ohne nicht hier und da in Erklärungsnotstand zu geraten. Wenn man etwas genauer hinhört, dann ist auch die Aufwertung des Themas selbst nicht zu überhören. Es ist meist nicht mehr von Kinderbetreuung die Rede, sondern es geht viel mehr um frühkindliche Bildung. Das klingt nicht nur sehr viel bedeutsamer, es wird auch von vielen gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren so beurteilt - von Wissenschaftlern, von Eltern, von Politikern.
Zugegeben: Bis hierher klingt das alles eher nach „gut zureden“, noch dazu recht allgemein und wenig wissenschaftlich aufgeputzt. Aber es ist ein sehr konkreter Anlass, der den Blick einmal mehr ge- schärft hat für das, was man „auf der Straße“ erreichen kann.
Der Bildungskonvent war zunächst eine therapeutische Erfindung des Koalitionsvertrages zwischen SPD und CDU, weil beide voneinander wissen, dass sie bildungspolitisch nichts reißen können. Jedenfalls nicht miteinander. Für die SozialdemokratInnen ist es die Chance, über die eigenen Bildungskonzepte wieder einmal halböffentlich Klartext reden zu können, ohne anschließend Koalitionskrisen bewältigen zu müssen.
Die 37 Vertreterinnen und Vertreter dieses Gremiums – Akteure wie sie unterschiedlicher in ihrer Herkunft kaum sein können – waren per Landtagsbeschluss aufgefordert, auch über die Zukunft der frühkindlichen Bildung zu verhandeln. Die Streitfragen waren die alten, die Argumente waren die gleichen. Aber: Erfahrungen und Einsichten hatten sich verändert. Ein Oberbürgermeister hatte erlebt, dass es einen Unterschied macht, ob ein Kind Mittagskind sein darf oder sein muss. Zu den unterschiedlichen Trägern von Kindereinrichtungen – Kirchen und Wohlfahrtsverbände – hatte es sich herumgesprochen, dass auch oder gerade die Angebote am Nachmittag Kindern ganz neue Lebens- und damit Lernerfahrungen vermitteln können, die sie zu Hause aus unterschiedlichen Gründen nicht haben können. Zu den Erfahrungen vieler Praktikerinnen und Praktiker gehört, dass Kinder ihre Abwesenheit am Nachmittag durchaus als Verlust begreifen können. Vor allem aber, dass ein solcher Verlust auf Dauer mit eingeschränkten Bildungschancen einhergehen kann.
Die Meinungen haben sich gewandelt. Und damit auch die Mehrheiten, wenigstens im Bildungskonvent. Beschlossen wurden nach langen Debatten Empfehlungen an den Landtag von Sachsen-Anhalt: den Ganztagsanspruch für alle Kinder wieder einzuführen, die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern schrittweise in einen Hochschulabschluss zu überführen, die Gruppengrößen in den Kitas langfristig zu verändern und vieles andere mehr. Zu den letzten aufrechten Konservativen gehörte nur noch eine spärliche Zahl. Ein später Sieg für das Bündnis von damals, wie ich finde. Wie sagte schon ein alter Klassiker unter den Soziologen: „Politik ist das Bohren dicker Bretter, mit Augenmaß und Leidenschaft zugleich.“ (Max Weber) Wie wahr. Über die Zeit allerdings, die es dauern kann, hat auch er sich ausgeschwiegen. www.bildungskonvent-dielinke.de