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Diskussionsthemen

HARTZ IV, Buchvorstellungen


Buchrezension im Neuen Deutschland am 3. Juli 2009

 

Hau in die Tasten, Arbeitsloser!

24 Erwerbslose halten ihre Erfahrungsgeschichten in einem Buch fest
Von Peter Nowak

»Greif zur Feder, Kumpel«, lautete die 1959 im Bitterfelder Kulturhaus ausgegebene Devise für eine Literatur der Arbeitswelt in der DDR. 50 Jahre später heißt es nun: »Hau in die Tasten, Arbeitsloser.« Der Arbeitslosenselbsthilfeverein Bitterfeld hat 24 Erwerbslosen aus dem Landkreis die Möglichkeit gegeben, ihre Gedanken und Erfahrungen in Form von Kurzgeschichten, Essays oder Gedichten zu Papier zu bringen. Darunter sind Menschen kurz vor der Rente ebenso wie Jugendliche, die gar nicht erst eine Stelle bekommen haben. So unterschiedlich die Autoren und Texte auch sind, aus allen Beitragen kann man die alltäglichen Belastungen eines Lebens unter dem Hartz-IV-Regime herauslesen.

Da schreibt eine Großmutter, welche Mühen es für sie bedeutete, die Hälfte der Spritkosten zu bezahlen, damit der Enkel zur Mutter nach Regensburg gefahren werden kann. »Heute ist der 23. Noch 50 Euro haben wir im Portmonee. Wir schaffen das schon«, endet die Geschichte mit Galgenhumor. Der fehlt auch bei Karsten Niebergall nicht, der seinem Kurzbericht über ständige erfolglose Bewerbungsversuche den Titel »K. im Glück« gegeben hat.

Auch Anne Böhme beschreibt in ihrem längeren Essay, wie sie sich mit der aus dem Elternhaus übernommenen Devise »Immer optimistisch bleiben« von einem Job zur nächsten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme hangelte und dabei doch der Verzweiflung oft nahe war. Auch der ausgebildete Veterinäringenieur Jörg E. machte ähnliche Erfahrungen. Nach dem Diplom im Jahr 1990 schaffte er es trotz vieler Bewerbungen in der ganzen Republik nur von einem Ein-Euro-Jobzum nächsten.

Welche Folgen schon die Angst vor Hartz IV haben kann, zeigt die Geschichte über einen über 50-Jährigen, der bereit ist, für 400 Euro im Monat im 300 Kilometer entfernten Berlin zu arbeiten und die Woche über im Auto zu übernachten. Hauptsache Arbeit, lautet die Devise. Neben der Angst vor den Schikanen auf dem Amt, die in vielen Beiträgen deutlich wird, ist auch der Ärger über gedankenlose Bemerkungen von Nachbarn und Bekannten herauszuhören, die sich darüber mokieren, dass eine Arbeitslose sich eine Dauerwelle machen lässt oder mit dem Bus fährt, statt zu Fuß zu gehen.  

Dieses Buch macht deutlich, wie stark Zukunftsängste und die Hilflosigkeit vor der Willkür der Ämter den Alltag vieler Menschen bestimmen. Die Texte machen aber auch deutlich, dass für viele Autoren Arbeit mehr als ein Mittel zum Geldverdienen ist. Wie schon im Titel deutlich wird, geht es ihnen um ein sinnvolles Leben. In mehreren Texten wird deshalb auch positiv auf ehrenamtliche Tätigkeit Bezug genommen. Hier würde die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen die materiellen Sorgen minimieren, aber an den Bedürfnissen vieler der Autoren vorbeigehen. 

Wenig ist in den Texten von gemeinsamer Gegenwehr die Rede. In einigen Beiträgen wird auf die Anti-Hartz-Proteste von 2004 Bezug genommen. Mehrere Autoren beschreiben auch, wie sie Betroffenen beim Ausfüllen der Anträge helfen. Aber die Erfahrungen der gemeinsamen Durchsetzung von Rechten auf den Ämtern, wie sie in den letzten Monaten in verschiedenen Städten erfolgreich praktiziert wurden, fehlen.

 

 

Arbeitslosenselbsthilfeverein Anhalt-Bitterfeld (Hg.) »Vom Wert der Arbeit«, Bitterfeld 2009, 104 S., 8 Euro.

Den Artikel finden Sie unter:
http://www.neues-deutschland.de/artikel/151541.hau-in-die-tasten-arbeitsloser.html 

http://www.neues-deutschland.de 

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