Diskussionsthemen
Armut, Auswirkungen und Stellungnahmen
Armut zeigt sich gelegentlich in paradoxer Gestalt
Birke Bull, MdL von Sachsen-Anhalt
Armut zeigt sich gelegentlich in paradoxer Gestalt!
Ein Blick darauf, jenseits von Zahlen, größeren Fakten und großen Zusammenhängen
Dass gerade Kinder, die in prekären Lebenslagen aufwachsen, übergewichtig sind, überrascht niemanden mehr. Das scheint glaubwürdig. Schnell und billig den Hunger zu stillen, heißt nicht selten zu fett und zu süß zu essen. Erzieherinnen beobachten sehr aufmerksam, dass gerade diese Kinder eher mit der Milchschnitte oder den Chips in der Brotbüchse in die Kita kommen, als mit Vollkornbrot, Gemüse und Obst. Und dass letzteres manchmal auch unverschämt teuer ist, weiß man.
Also: Armut kommt in den reichen Industriestaaten nicht verhungert, sondern übergewichtig daher. Ein Paradoxon, das dem Alltagsmenschen einleuchtet.
Im alltäglichen Erfahrungsaustausch macht sich stattdessen oft der Ärger über diejenigen Luft, die schon früh mit der "Büchse" an der Kaufhalle stehen, über die, die mit "angeklebten grellbunten Fingernägeln", sich eher - so weiß man - um sich selbst, als um ihre Kinder kümmern.
"Sie wollen es ja nicht anders!" so wird das gemeinhin gewertet. "Sie sind ja selbst schuld." - so lautete der Befund einer Besucherin im Landtag, mit der ich am vergangenen Donnerstag ins Gespräch kam.
Nun ja. Natürlich ist jeder Mensch zunächst ganz selbst bestimmt dafür verantwortlich, wie er oder sie das eigene Leben gestaltet. Und zugegebenermaßen ist Armut nicht nur eine Frage des Geldes. Auch mit wenig finanziellen Mitteln ist es möglich, ein Leben in Würde und Verantwortung zu gestalten. Niemand wird bestreiten, dass solche Lebensphasen, in denen jede Ausgabe gut überlegt und abgewogen, manche sogar gestrichen werden muss, auch soziale Kompetenzen hervorbringen und Erfahrungen vermitteln, die für das spätere Leben nicht nur nützlich, sondern auch wichtig sind:
Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Achtung vor dem Erarbeiteten oder Gesparten, Bescheidenheit und Zurückhaltung, und wie auch immer. Entscheidend sind dabei Chance und Gelegenheit, an dieser Situation etwas zu verändern.
Bedrohlich wird Armut erst wenn es aussichtslos ist oder scheint, etwas dagegen zu unternehmen, wenn sich das Gefühl einschleicht, abgehängt zu sein. Wenn die Lust versiegt ist, dagegen aktiv zu werden. Den eigenen Kindern wird die Resignation in der Gestalt von Passivität und Gleichgültigkeit sozial vererbt. Während Resignation noch aus der Erinnerung an eigenes Tun entsteht, so kennen Passivität und Gleichgültigkeit nicht mal mehr das Gefühl, das sich Anstrengung lohnen kann.
Und wenn das alles nicht mehr zu den gelebten Erfahrungen gehört, auf die heranwachsende Menschen zurückgreifen können, dann kommt es vor, dass für die Selbstachtung und die Bestätigung, die jeder Mensch braucht, andere - möglicherweise eher weniger geeignete - Quellen herhalten müssen. Dann zeigt sich Armut in der Tat widersinnig: schon am Morgen, wenn das letzte, bisweilen sogar das erste Geld in Bier und Schnaps getauscht wird; oder in den mit Chips und Milchschnitten gefüllten Brotbüchsen; oder im Unvermögen, den eigenen Kindern das Gefühl zu geben, angenommen und aufgehoben zu sein; oder in der Scheu, sich mit diesen sichtbaren Makeln beim Arzt zu zeigen und gar noch dessen Rezept mit der Bemerkung abzuwehren, dass das Geld für die Zuzahlungen zu knapp sind; oder bei den vielfältigen Meidstrategien, mit denen die wahren Gründe verschleiert werden, die die Teilnahme an der Klassenfahrt unmöglich machen; oder wenn die Elternversammlungen gemieden werden, weil man die überlegenen und möglicherweise unbeabsichtigt herablassenden Gesten nicht erträgt. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.
Das perfide an diesen Verhältnissen ist, dass es nun in der Tat nicht mehr ausreicht, mehr Geld zu geben. Zu viel anderes ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Strecke geblieben, darunter die Fähigkeit, damit verantwortungsvoll umzugehen. Hilfe zur Selbsthilfe hat zunächst viel mit Wertschätzung zu tun. Und das ist das Gegenteil von verächtlichem Herabsehen und erfordert etwas mehr als das oberflächliche und schnelle Urteil. Respekt gehört zu den eher seltenen Erfahrungen derer, die schon lange – meist über mehrere Generationen - von Armut betroffen sind. Selten in der Familie, aber auch selten in der Kindertagesstätte, in der Schule, auf dem Amt und im Alltag. Wie sollen sie ihn da selbst aufbringen, anderen gegenüber.
Und natürlich: Auch Geld gehört dazu. Geld hat nun mal in einer Leistungsgesellschaft den höchsten Konvertierungsgrad. Von nichts kommt nichts. Es muss reichen, um sich kaufen zu können, was man zur Selbsthilfe und zur Selbstachtung braucht, und zwar egal wie und wodurch man wurde, was man ist.

