Diskussionsthemen
Verhinderung von Gewalttaten
Gewalt beim Fußballgehört ins Abseits
MdL Gudrun Tiedge,
Mitglied der Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt DIE LINKE.
Zu mindest die Fußballfans werden mir unwidersprochen zustimmen, wenn ich an dieser Stelle die Behauptung aufstelle, dass der Fußball die beliebteste Sportart in unserem Land ist. Und ich übertreibe sicherlich auch nicht, wenn ich sage, dass der Fußball eindeutig der weltweit populärste Zuschauersport ist. Wie nur wenige andere Disziplinen gehört er damit in fast allen Teilen der Welt zu den absolut attraktivsten und meist besuchten Sportarten.
Neben dem sportlichen Aspekt spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Vereinsleben und das Zugehörigkeitsgefühl zu einem ganz bestimmten Verein - oft über Generationen hinweg.
Um hier einmal eine Dimension und das Ausmaß darzustellen:
In Sachsen-Anhalt finden pro Woche 3.500 Fußballspiele in 843 Vereinen statt; angefangen im Nachwuchsbereich bis hin zur (leider momentan nur) Regionalliga.
Überwiegend werden diese Vereine ehrenamtlich, mit einem enormen Arbeits- und Zeitaufwand für Trainer und Betreuer, geleitet, welcher gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.
Und dann gibt es die Fans, die mit ihren ideenreichen Choreografien, Spruchbändern und Liedern für die eigentliche Stimmung im Stadion sorgen, die damit zeigen, dass der Fußball lebt. Wer diese Atmosphäre, dieses „Gänsehaut-Feeling“ persönlich erlebt hat, spürt, wie wichtig vielen der Fußball ist.
Aber leider gibt es auch eine Kehrseite.Randale, Drohungen, Gewaltstraftaten, rechtsextremistische und ausländerfeindliche Schmährufe von „Fans“, die in der Auseinandersetzung nach einem Spiel des 1. FCM und des HFC in Halle am 26. September 2009 ihren traurigen „Höhepunkt“ erlangt haben. Gewaltbereite Jugendliche, bei denen man nicht von Fans sprechen kann, hatten sich gezielt vorbereitet, um skrupellos gegen Polizeibeamte und -beamtinnen vorzugehen. 14 Polizisten wurden dabei verletzt. Eine Eskalation der Gewalt, die entschieden von uns verurteilt wird.
Infolge dieser Ereignisse haben die Mitglieder des Innenausschusses unserer Fraktion unverzüglich einen Selbstbefassungsantrag zum Thema gestellt, um das Ministerium des Innern aufzufordern, über diesen Sachverhalt zu informieren und zum Geschehen vollständig Aufklärung zu geben.
Das Ergebnis dieser Beratung war, dass sich der Innenausschuss auf eine öffentliche Anhörung verständigte. Im parlamentarischen Verfahren ein eher ungewöhnlicher Weg, da die Möglichkeit einer Anhörung ansonsten nur bei eingebrachten Gesetzentwürfen üblich ist.
Eingeladen wurden der Innenminister, die Polizeipräsidenten, die Polizeigewerkschaften, die Bundespolizei, die Präsidenten der beiden Fußballclubs, die Sicherheitsbeauftragten, der Präsident des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt, Leiter der Ordnungsämter von Halle und Magdeburg, die Fanbeauftragten und Vertreter der Fanprojekte auf Landes- und Bundesebene.
Es folgte eine fünfstündige angeregte Diskussion im Ausschuss, die gekennzeichnet war von gegenseitigem Respekt und Achtung. Ziel war es auch, darüber zu reden, worin die Ursachen für diese Gewalt liegen. Abschließend konnte diese Frage natürlich nicht beantwortet werden, aber es gab erste Anregungen, Ideen und konzeptionelle Vorstellungen. Als ein Aspekt wurde auch benannt, dass viele Fans über die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs frustriert sind. Die TV-Vermarktung, die VIP-Logen, die Bandenwerbung scheinen wichtiger zu sein als der Fan, der dem Spiel die Emotionen und Lebendigkeit gibt.
Das darf aber nicht zu einer Verharmlosung oder Tolerierung der Gewalt führen. Die Ächtung und „Nulltoleranz“ von Straftaten - und die beginnen schon beim Entwenden von Schals oder Fahnen bzw. beim Angreifen anderer Fangruppen, muss aus den Fangruppen heraus bereits selber passieren; aber leider machen viel zu viele mit oder schauen einfach weg. Da müssen dann in letzter Konsequenz auch Stadionverbote ausgesprochen sowie Ermittlungsverfahren eingeleitet werden und Verurteilungen erfolgen.
Übereinstimmend wurde aber von allen festgestellt, dass enge Kontakte zwischen Polizei, Justizbehörden, Sicherheitsbeauftragten, Vereinsverantwortlichen und Fanbeauftragten erste Erfolge bringen können, wie zum Beispiel in Magdeburg bereits spürbar.
Beispiele in anderen Ländern haben u. a. gezeigt, dass der Verzicht von Polizeipräsenz im Stadion deeskalierend wirkte. Ebenso der Versuch, den Fans die Verantwortung für den Reisezug zum und vom Fußballspiel zu überlassen. Überrascht zeigten sich alle darüber, wie problemlos das funktionierte und wie sauber der Zug wieder übergeben wurde.
Ich gebe es zu, das sind alles erst kleine Anfänge, die uns aber dazu bringen werden, weg zu kommen von dem ständigen Ruf nach härteren Strafen oder, was ich für völlig verfehlt halte, die Forderung eines Vertreters der CDU-Fraktion nach Einsatz von Gummigeschossen gegen Fußballfans. Das letzte, was in dieser Situation benötigt wird, ist Aufrüstung!
Fußball soll denen, die sich dafür begeistern, Spaß bereiten, frei von Angst, vor Randalen und Gewalt. Um das zu gewährleisten, müssen sich alle ihrer Verantwortung bewusst sein. Die Anhörung war dazu ein erster Schritt, zwar ein kleiner, aber ein sehr wichtiger in die richtige Richtung.

