Stellungnahmen / politische Angebote und Vorschläge
Gedenken an die Opfer des Faschismus
65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus
Tag der Erinnerung, der Mahnung und zugleich Chance für ein demokratisches, friedliches und humanes Zusammenleben der Menschen und Völker
MdL Gudrun Tiedge,
Mitglied der Landtagsfraktion der Partei DIE LINKE in Sachsen-Anhalt
Der 8. Mai 1945 war der Tag der Befreiung des Deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus.
Pastor Martin Niemöller schrieb:
„Als sie die Kommunisten abholten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten abholten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Juden abholten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich abholten, war niemand mehr da, der protestieren konnte.“
Millionenfach wurden Menschen abgeholt und ermordet. Sie wurden in Schutzhaft genommen oder in Konzentrationslager gebracht.
Und all` dies geschah: „Im Namen des deutschen Volkes!“
Als sie meinen Großvater abholten und verurteilten, geschah dies mit folgender Urteilsbegründung vom 16. April 1943:
„Der Angeklagte ist lange Jahre Kommunist gewesen. Er hat sich nach Überzeugung des Sondergerichtes auch heute noch nicht umgestellt. Seine Persönlichkeit bildet besonders in Kriegs- und Krisenzeiten eine Gefahr. Es muss in Form einer empfindlichen Strafe ein Exempel statuiert werden, damit etwaige Kommunisten und Gesinnungsfreunde des Angeklagten sehen, was dabei herauskommt, wenn man heute noch gegen den Strom schwimmt.“
Worin bestanden eigentlich seine „Verbrechen“? Sie bestanden darin:
- dass er nicht schwieg,
- dass er als Landtagsabgeordneter des Landtages von Mecklenburg - Strelitz in persönlichen Gesprächen versuchte, die Menschen aufzuklären,
- dass er als Dichter wieder zur Feder griff, um, oft in plattdeutscher Sprache, Not und Unterdrückung anzuklagen sowie Willkür und Krieg zu verdammen,
- und dass er gegen das Fehlurteil in der Strafsache des polnischen Landarbeiters Jakubowski auftrat
(verfilmt in dem DEFA-Spielfilm „Der Fall Jakubowski“).
Er erhielt Schreibverbot, wurde in Schutzhaft genommen, 1942 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und aus dem Zuchthaus heraus in das Konzentrationslager Sachsenhausen und anschließend in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht, wo er kurz vor der Befreiung vom Faschismus am 5. März 1945 starb.
Dies ist nun eine sehr persönliche Sicht und eine ganz persönliche Geschichte, aber jedes Opfer hat eine ganz persönliche Lebensgeschichte.
Zu oft vergessen wir bei der ungeheuren, für uns nicht vorstellbaren Zahl von Opfern, dass hinter jedem ein ganz persönliches, tragisches Schicksal steht, ein ganz persönliches gelebtes Leben.
Die Überlebenden des Konzentrationslagers von Buchenwald schworen nach ihrer Befreiung:
„Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung! Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel! Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“
Dieser Schwur von Buchenwald wurde zum gemeinsamen Handlungsprinzip aller demokratischen Kräfte in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus.
Der 8. Mai 1945 war der Tag der Befreiung vom Faschismus
- für Menschen aus Konzentrationslagern, Zuchthäusern und Zwangsarbeiterlagern;
- für politisch, weltanschaulich und religiös Andersdenkende;
- für Anderslebende und Andersfühlende;
- für die Völker Europas;
- für die deutsche Zivilbevölkerung aus Angst, Not, Chaos, Hunger und Leid.
Für 60 Millionen Menschen aber kam die Befreiung zu spät.
Sie waren Opfer des barbarischen Krieges, der industriellen Massenmorde an Menschen jüdischer Herkunft, an Sinti und Roma, an Menschen mit Behinderungen, an Homosexuellen. Und sie waren Opfer der Verfolgung politisch und weltanschaulich Andersdenkender.
Ihrer zu gedenken, bedeutet auch die Täter zu benennen und getreu dem Schwur von Buchenwald, die Schuldigen vor die Richter der Völker zu stellen.
1945 herrschte systemübergreifender Wille, NS-Verbrechen gerecht zu ahnden.
Viele standen damals - aber auch heute noch - vor der Frage, wie ahndet man überhaupt gerecht historisch beispiellosen Massenmord, Völkermord?
Eine Frage, die vielleicht juristisch, nie aber vollständig moralisch beantwortet werden kann.
Die aber nie in Vergessenheit geraten darf.
Der gegenwärtige politisch gewollte Geschichtsrevisionismus darf nicht dazu führen, dass es zu einem eingegenseitigen Aufrechnen der Opfer des Nationalsozialismus kommt.
Das darf nicht zugelassen werden.
Die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen muss im vereinten Deutschland den Stellenwert bekommen, den der Schwur von Buchenwald einforderte.
Gerade an diesem Tag muss die Frage beantwortet werden, wie sich das Gedenken an die Opfer mit den Entscheidungen der Gegenwart verbinden lässt.
Der 8. Mai 1945, Tag der Befreiung oder Tag der deutschen Niederlage, diese Frage spaltet die deutsche Debatte – aktuell wie historisch, 2010 wie in den Jahren zuvor.
Richard von Weizsäcker sagte in seiner Rede am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag:
„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“
65 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges ist der 8. Mai 1945 das historische Datum der Befreiung von dem menschenverachtendsten, barbarischsten System in der Weltgeschichte: dem deutschen Faschismus.
Es ist ein Tag der Erinnerung, der Mahnung, aber auch zugleich Chance für ein demokratisches, friedliches und humanes Zusammenleben der Menschen und Völker.
Die Botschaft der Überlebenden
„Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus“
gilt es auch heute bedingungslos einzulösen und umzusetzen.

