Deutschland nach 1945 - Spielball der Weltmächte
Von Manfred Wiesnewsky, Blickpunkt 04/2011;
Die Bildungsveranstaltung des „RotFuchs“-Fördervereins, Regionalgruppe Bitterfeld-Wolfen im März dieses Jahres wurde zum Thema „Die DDR im Spannungsfeld der Großmächte“ durchgeführt.
Von Manfred Wiesnewsky, Blickpunkt 04/2011
Die Bildungsveranstaltung des „RotFuchs“-Fördervereins, Regionalgruppe Bitterfeld-Wolfen im März dieses Jahres wurde zum Thema „Die DDR im Spannungsfeld der Großmächte“ durchgeführt. Gen. Prof. Dr. Herbert Graf, der Vortragende, war zwei Jahrzehnte in Walter Ulbrichts Büro tätig, führte nach dessen Sturz in den 70-er und 80-er Jahren Lehr- und Forschungsarbeiten in Angola, Mocambique, Äthiopien sowie in anderen Staaten in Asien und Südamerika durch und ist Autor mehrerer Bücher zur jüngsten deutschen Geschichte.
Grundlage seines Vortrages war eines dieser Bücher mit dem Titel „Interessen und Intrigen: Wer spaltete Deutschland?“, ein höchst lesenswertes Werk. Er fesselte seine Zuhörer mit einem kenntnisreichen Erinnerungs- und Erfahrungsbericht, gespickt mit ergänzenden Hinweisen und Bemerkungen, die man in einem Buch nicht zu lesen bekommt und die getragen waren von einer starken persönlichen Ausstrahlung. Infolge seines Studiums vieler bisher nicht genutzter Quellen und umfangreichen, teilweise bisher unbekannten Archivmaterials verstand er es, Zusammenhänge in der Politik der Großmächte und die Auswirkungen auf die Entwicklung der beiden deutschen Staaten nach dem 2. Weltkrieg bis zum Anschluss der DDR an die BRD überzeugend zu vermitteln. Gen. Graf beantwortete in seinem Vortrag eine Reihe von immer wieder gestellten Fragen, die auch die anwesenden Genossen noch heute umtreiben. In der anschließenden Diskussion wurden weitere Fragestellungen erörtert, so auch:
War es uns möglich, uns gegen den Verrat der sowjetischen Führer, insbesondere Gorbatschow, zu wehren? Wie stehen wir zum Grundgesetz der BRD? Wie ist unser Verhältnis zu Gorbatschow zu sehen? Was will Putin, wohin geht er? Wie kann man, wie soll man mit Walter Ulbrichts Aussage „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ umgehen? War Stalin der große Stratege, als der er immer dargestellt wird?
Darauf gab es ausführliche, teilweise schockierende Antworten. So ist beispielsweise die Frage nach der besonderen Rolle Gorbatschows im Ränkespiel der UdSSR zu kurz gegriffen. In allen Handlungen ging die UdSSR-Führung von Anfang an weder vertrauensvoll noch solidarisch, letztlich nicht brüderlich mit den Kampfgefährten aus der KPD um. Stalin ignorierte jeden fachlichen Rat. Während die Westmächte von Beginn an auf einen starken bürgerlichen Staat orientierten, hatte die UdSSR keine klare Position zur DDR. Alle Entscheidungen der Sowjetunion erfolgten im Nachgang westlicher Entscheidungen. In der Stalin-Note von 1952 wurde die DDR zur Disposition gestellt. Nach Stalins Tod war sein Nachfolger Berija bereit, die DDR für 10 Mrd. Dollar an den Westen zu verkaufen. Ende der 60-er Jahre wurde ein geheimes USA-BRD-SU-Netzwerk des Informationsaustausches hinter dem Rücken der DDR gebildet. Danach war die DDR Objekt geheimer Verhandlungen zwischen Moskau, Bonn und Washington. Spätestens seit 1987 wurde über die Preisgabe der DDR geheim verhandelt. Von Markus Wolf stammt die Bemerkung: „Die DDR war für Moskau hauptsächlich eine Figur im politischen Schachspiel mit dem Westen“.
Das Enttäuschende, Schockierende bleibt. Der Öffentlichkeit wurde Gleichklang der Beziehungen zwischen der UdSSR und der DDR vermittelt, intern wurden die Differenzen ausgetragen, was letztlich auch zum Sturz Walter Ulbrichts führte, ein schizophrenes Verhältnis. Den politisch aktiven Bürgern blieben die Absichten der sowjetischen Politik verborgen. Aber offensichtlich ist Politik so.
Was bleibt, hat Gen. Graf folgendermaßen ausgedrückt: Es geht mir nicht um die Verkündung ewiger Wahrheiten. Ich will mein Gegenüber mit neuen Informationen über Tatsachen versehen, die seinen Blick schärfen und ihn zum Gedankenstreit anregen, um der vorherrschenden bürgerlichen Geschichtsschreibung und leider auch der Geschichtsbetrachtung mancher linker Politiker entgegen treten zu können.

